Warum wähle ich immer wieder die „falschen“ Partner: Psychologie der Wiederholung

Warum wähle ich immer wieder die „falschen“ Partner: Psychologie der Wiederholung

Wiederkehrende Beziehungsmuster stellen für viele Menschen eine tiefgreifende und oft schmerzhafte Realität dar. Es ist eine paradoxe Erfahrung: Obwohl wir uns bewusst nach einer erfüllenden, stabilen Partnerschaft sehnen, geraten wir immer wieder in ähnliche, ungesunde Dynamiken oder wählen Partner, die uns emotional nicht guttun. Diese unbewussten Mechanismen und die Psychologie hinter der Partnerwahl sind komplex und tief in unserer frühen Lebensgeschichte verwurzelt. Wir suchen unbewusst nach dem Vertrauten, selbst wenn das Vertraute schmerzhaft ist, weil das Gehirn Vertrautheit mit Sicherheit gleichsetzt. Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts für Angewandte Sozialwissenschaften (IfAS) aus dem Jahr 2025 gaben erschreckende 42 % der Befragten an, in ihrer letzten Beziehung eine Situation wiedererlebt zu haben, die sie bereits in früheren Partnerschaften als problematisch erlebt hatten. Dies unterstreicht die hohe Relevanz, diese Muster zu erkennen und zu durchbrechen, um zukünftige Enttäuschungen zu vermeiden. Darüber berichtet die Redaktion GlückID.

Ursachen und psychologische Hintergründe für wiederkehrende Muster

Diese unbewusste Tendenz, Partner zu wählen, die alte emotionale Wunden reaktivieren, wurzelt oft in unseren sogenannten Bindungsmustern und dem Konzept des Übertragungsphänomens. Unsere frühkindlichen Erfahrungen mit Hauptbezugspersonen prägen unseren inneren Prototyp dessen, was Liebe und Intimität bedeuten. Wenn diese frühen Bindungen von Unsicherheit, emotionaler Unerreichbarkeit oder sogar Ablehnung geprägt waren, kann das Gehirn später diese schmerzhaften Muster als Normalzustand der Liebe interpretieren. Man sucht unbewusst nach Partnern, die es uns ermöglichen, diese ungelösten Konflikte aus der Kindheit endlich zu meistern – ein therapeutischer, aber oft schmerzhafter Versuch, die Vergangenheit zu heilen, der selten im Hier und Jetzt gelingt. Dieses Phänomen ist tief in der psychodynamischen Theorie verankert und erklärt, warum sich das Gefühl der Chemie oft bei Menschen einstellt, die uns am wenigsten guttun.

Psychologisches KonzeptBeschreibung und Wirkung auf die Partnerwahl
Bindungstheorie (Attachment Theory)Frühkindliche Erfahrungen prägen unser Beziehungsverhalten. Unsicher gebundene Menschen (ängstlich oder vermeidend) suchen oft Partner, die diese Unsicherheit bestätigen.
Wiederholungszwang (Compulsion to Repeat)Nach der Psychoanalyse unbewusstes Drängen, traumatische oder ungelöste Situationen zu wiederholen, um sie zu beherrschen. Führt zur Wahl des „falschen“ Partners.
Übertragung (Transference)Übertragung früherer Gefühle und Erwartungen, die an Eltern gerichtet waren, auf den aktuellen Partner. Erwartung, dass der Partner sich wie die Bezugsperson verhält.

Die Rolle des Selbstwertgefühls und der inneren Skripte

Ein weiterer entscheidender Faktor in der unheilvollen Wiederholung alter Beziehungsmuster ist das Selbstwertgefühl. Wenn das innere Selbstbild durch kritische oder ablehnende Erfahrungen beschädigt wurde, neigen Menschen dazu, Partner zu wählen, die dieses negative Bild bestätigen. Diese Wahl ist selten eine rationale Entscheidung, sondern eine unbewusste Bestätigung des inneren Skripts: „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden“ oder „Ich muss kämpfen, um Liebe zu bekommen“. Dieses Muster wird durch kulturelle oder gesellschaftliche Narrative verstärkt, die dramatische, herausfordernde Beziehungen als wahre Leidenschaft idealisieren, während stabile, ruhige Partnerschaften als langweilig abgetan werden. Eine hohe emotionale Verfügbarkeit des Partners kann für Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl paradoxerweise als beängstigend oder zu gut, um wahr zu sein empfunden werden, was zur Sabotage führt.

Laut einer Studie der Universität Heidelberg von 2024 zum Thema emotionale Selbstregulation zeigten Probanden mit einem chronisch niedrigen Selbstwertgefühl eine signifikant höhere Präferenz für Partner, die entweder emotional unerreichbar (vermeidend) oder kontrollierend waren. Diese Muster bestätigen das tief sitzende Gefühl der Unwürdigkeit und halten den Zyklus aufrecht. Es ist, als ob das innere Kind in uns versucht, durch die immer gleiche Wahl die Liebe zu gewinnen, die es in der Vergangenheit entbehren musste, indem es eine vertraute Dynamik reproduziert.

Hier sind die drei häufigsten ungesunden Partnerprofile, die aus diesem Muster entstehen können:

  • Der emotional Unerreichbare: Der Partner ist physisch oder emotional distanziert. Er reaktiviert die Angst vor dem Verlassenwerden, was den ängstlichen Bindungstyp dazu bringt, noch härter um Nähe zu kämpfen.
  • Der Kontrollierende/Kritisierende: Dieser Partner bestätigt innere Kritikerstimmen und das Gefühl der Unzulänglichkeit. Er erinnert oft an kritische elterliche Figuren.
  • Der Beziehungsunfähige: Dieser Partner möchte keine feste Bindung eingehen. Er bestätigt die innere Überzeugung, dass langfristiges Glück nicht möglich oder nicht für die eigene Person bestimmt ist.

Forschungsergebnisse und aktuelle Studien zur Wiederholung

Aktuelle Forschungen in der klinischen Psychologie liefern wichtige Einblicke in die neurologischen und psychodynamischen Mechanismen des Wiederholungszwangs in Beziehungen. Neurowissenschaftler haben mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) nachgewiesen, dass die gleichen Gehirnregionen aktiviert werden, wenn Menschen an frühe, schmerzhafte Kindheitserfahrungen denken und wenn sie in einer späteren Beziehung eine ähnliche schmerzhafte Situation erleben. Dies legt nahe, dass die Wiederholung von Mustern nicht nur psychologisch, sondern auch neurologisch tief verankert ist und durch die Suche nach einer Auflösung des ursprünglichen Traumas getrieben wird. Der Drang, die Vergangenheit zu korrigieren, ist dabei stärker als die rationale Entscheidung für ein gesünderes Gegenüber.

Bindungsstile als Schlüssel zum Verständnis des Musters

Einer der wichtigsten Konzepte, die diese wiederkehrenden Muster erklären, ist die Bindungstheorie, die in den 1960er Jahren von John Bowlby entwickelt wurde. Sie unterscheidet vier Hauptstile, die unser Verhalten und unsere Erwartungen in intimen Beziehungen bestimmen. Nur der sichere Bindungsstil führt tendenziell zu stabilen, gesunden Beziehungen. Die unsicheren Stile – ängstlich-ambivalent, vermeidend-distanziert und desorganisiert – führen häufig zur unbewussten Wahl von Partnern, die genau diese Unsicherheiten triggern und bestätigen. Zum Beispiel sucht eine Person mit ängstlichem Bindungsstil oft unbewusst einen vermeidenden Partner, weil dessen Distanz ihre Angst vor dem Verlassenwerden (das ungelöste Kindheitsthema) reaktiviert.

Dieses Muster wird besonders deutlich, wenn man sich die häufigsten dysfunktionalen Bindungskombinationen ansieht, die in der modernen Beziehungsberatung thematisiert werden. Hierbei treffen die ungelösten Bedürfnisse des einen Partners perfekt auf die ungelösten Vermeidungsstrategien des anderen. Die daraus resultierende Dynamik ist oft hoch emotional, aber toxisch, da sie die grundlegenden Bedürfnisse beider Partner nach echter Intimität und Sicherheit frustriert. Die intensive emotionale Achterbahnfahrt wird fälschlicherweise als große Liebe interpretiert, dabei handelt es sich um eine Wiederholung des bekannten Schmerzes.

Unsicherer BindungsstilBeziehungs-StrategieUnbewusste Partnerwahl (Trigger)
Ängstlich-AmbivalentStarke Suche nach Nähe, Angst vor dem Verlassenwerden, Überreaktion auf Distanz.Wählt meist vermeidend-distanzierte Partner, deren Unverfügbarkeit die Angst bestätigt.
Vermeidend-DistanziertBetonung der Unabhängigkeit, Unbehagen bei zu viel Nähe, Distanzierung bei emotionalen Forderungen.Wählt oft ängstlich-ambivalente Partner, deren Klammern die Distanzierung rechtfertigt.
DesorganisiertMischung aus Angst und Vermeidung; widersprüchliches Verhalten, starkes Misstrauen.Wählt oft ebenfalls desorganisierte oder extrem unberechenbare Partner, um die erlernte Chaos-Dynamik zu reproduzieren.

Praktische Schritte zum Durchbrechen des Teufelskreises

Der Weg aus dem Kreislauf der sich wiederholenden, ungesunden Partnerschaften beginnt mit Selbsterkenntnis und Bewusstseinsarbeit. Zuerst muss die Person lernen, das Muster als solches zu erkennen, anstatt die Schuld immer beim neuen Partner oder den äußeren Umständen zu suchen. Das Journaling und die Analyse der Muster der letzten drei bis vier Beziehungen können helfen, das gemeinsame Thema (z. B. emotionale Kälte, ständige Kritik, Untreue) zu identifizieren. Der nächste entscheidende Schritt ist die Heilung des inneren Kindes und die Stärkung des Selbstwertgefühls, oft unterstützt durch psychotherapeutische Arbeit. Nur wenn das innere Skript „Ich bin es nicht gut genug“ umgeschrieben wird, ändert sich unweigerlich die Attraktion zu Partnern, die dieses Skript bestätigen würden.

Zudem ist es ratsam, in der Kennenlernphase langsamer vorzugehen. Die anfängliche Chemie, die oft ein Warnsignal für eine ungesunde Wiederholung ist, sollte nicht vorschnell als einziges Kriterium betrachtet werden. Stattdessen sollten rationale Kriterien wie emotionale Verfügbarkeit, gegenseitiger Respekt und die Fähigkeit zur Konfliktlösung im Vordergrund stehen. Dies erfordert bewusste Entscheidungen gegen die unbewusste Anziehungskraft.

Hier sind konkrete Schritte, die nach dem Erkennen des Musters helfen:

  • Mustererkennung: Erstellen einer Liste der gemeinsamen Merkmale der Ex-Partner und der zentralen Konflikte in den Beziehungen (z. B. „Alle waren emotional distanziert“).
  • Gefühle vs. Fakten: Bei der ersten starken Anziehung (der „Chemie“) innehalten und prüfen, ob es sich um ein Echo alter Dynamiken handelt. Eine zu starke Anziehung in den ersten Wochen kann ein Warnsignal sein.
  • Selbstwertarbeit: Die Arbeit am Selbstwertgefühl ist essenziell. Es geht darum, das innere Gefühl der Würdigung so zu stärken, dass man stabile, gesunde Liebe nicht mehr als langweilig oder unverdient empfindet.
  • Therapeutische Unterstützung: Psychoanalytische oder tiefenpsychologisch fundierte Therapie kann helfen, die tief verwurzelten Bindungsmuster zu verstehen und aufzulösen.

Das Durchbrechen des Teufelskreises erfordert Zeit und die Bereitschaft, die schmerzhaften Ursachen der eigenen Partnerwahl zu erforschen. Die Belohnung ist jedoch die Fähigkeit, einen Partner zu wählen, der nicht die Vergangenheit wiederholt, sondern eine gesunde, erfüllende Zukunft ermöglicht.

Bleiben Sie achtsam und informiert – über Psychologie, Gesundheit und Bewusstsein. Lesen Sie auch: Kassenleistung: Alle Fakten zur Psychologen-Behandlung in Österreich ab 2026. Ein Blick auf die Situation in Deutschland