Warum fühlen sich so viele junge Menschen einsam – trotz Beziehungen, Arbeit und Großstadtleben

Warum fühlen sich so viele junge Menschen einsam – trotz Beziehungen, Arbeit und Großstadtleben

Einsamkeit ist in Deutschland längst kein Randthema mehr. Immer mehr junge Erwachsene berichten von einem anhaltenden Gefühl innerer Leere – selbst dann, wenn sie arbeiten, Partnerschaften führen und in sozialen Umfeldern leben. Besonders in Metropolen wie Berlin tritt ein widersprüchliches Phänomen zutage: viele Menschen, viele Kontakte, aber wenig emotionale Nähe. Über diese Entwicklung berichtet das Portal für Psychologie und Achtsamkeit heute GlückID unter Berufung auf rbb24.

Einsam trotz sozialer Stabilität

Lukasz ist 25 Jahre alt, lebt in einer Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg, hat eine Freundin und mehrere Bekannte. Sein Alltag wirkt geordnet, fast idealtypisch für einen jungen Erwachsenen in einer Großstadt. Dennoch begleitet ihn immer wieder ein starkes Gefühl von Einsamkeit. Ihm fehlen tiefere soziale Bindungen, die über spontane Treffen und digitale Kommunikation hinausgehen.

Besonders nach der Arbeit, wenn keine Verabredungen anstehen und Ruhe einkehrt, wird dieses Gefühl spürbar. Um die Leere zu überdecken, greift er zu Serien, Musik oder Social Media. Die Ablenkung wirkt jedoch nur kurzfristig. „Ich merke dann, dass ich scrolle, um dieses unangenehme Gefühl nicht aushalten zu müssen“, beschreibt er.

Großstadt, Anonymität und emotionale Distanz

Aufgewachsen ist Lukasz nahe Posen in Polen. Schon früh habe er Phasen von Einsamkeit erlebt. Der Umzug nach Berlin vor sieben Jahren habe das Gefühl jedoch deutlich verstärkt. Neue Städte bieten Chancen, Freiheit und Vielfalt – gleichzeitig gehen vertraute soziale Strukturen verloren. Neue Kontakte entstehen oft langsamer und bleiben zunächst oberflächlich.

Der Berliner Psychiater Mazda Adli von der Charité sieht darin kein Zufallsphänomen. Das junge Erwachsenenalter sei eine besonders sensible Lebensphase. Wohnortwechsel, beruflicher Druck und das Auseinanderbrechen alter Freundeskreise träfen auf die Herausforderung, neue stabile Beziehungen aufzubauen. Gerade die Anonymität der Großstadt könne dabei zur Belastung werden.

Warum fühlen sich so viele junge Menschen einsam – trotz Beziehungen, Arbeit und Großstadtleben

Zahlen, die alarmieren

Aktuelle Studien bestätigen die subjektiven Erfahrungen vieler Betroffener. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) fühlen sich 19 Prozent der Erwachsenen in Deutschland regelmäßig einsam. Besonders stark betroffen sind junge Menschen: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung leidet jeder zweite Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren zeitweise unter Einsamkeit.

Fachleute warnen vor den möglichen Folgen. Einsamkeit gilt zwar nicht als eigenständige psychische Erkrankung, kann jedoch Depressionen, Angsterkrankungen und Suchterkrankungen begünstigen oder verstärken.

Wenn Einsamkeit nicht Ursache, sondern Folge ist

Nicht immer entsteht Einsamkeit durch fehlende Kontakte. Bei Nico, heute 39 Jahre alt, verlief die Entwicklung umgekehrt. Er wuchs in Thüringen auf, hatte Freundeskreise und ging regelmäßig aus. Dennoch begleitete ihn über Jahre ein Gefühl innerer Leere.

„Ich war von Menschen umgeben, hatte Freunde, Gespräche, Termine – und trotzdem war da dieses konstante Gefühl, innerlich leer zu sein. Es war, als würde etwas Entscheidendes fehlen, ohne dass ich es benennen konnte“, sagt Nico rückblickend.

Das Gefühl, nicht wirklich gesehen und gehört zu werden, habe ihn emotional isoliert – selbst inmitten sozialer Nähe. Erst in einer Therapie habe er verstanden, dass seine Einsamkeit nicht Ausdruck mangelnder Kontakte war, sondern Folge einer unbehandelten psychischen Erkrankung.

Nach einer Trennung geriet Nico in eine schwere Krise, konsumierte Alkohol und Drogen und verlor zunehmend den Halt. Erst eine Therapie im Jahr 2023 brachte Klarheit. Neben einer Suchterkrankung wurde bei ihm eine histrionische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. In Selbsthilfegruppen lernte er, offen über Einsamkeit zu sprechen und soziale Nähe neu zu definieren.

Reden als erster Schritt aus der Isolation

Heute lebt Nico abstinent, engagiert sich ehrenamtlich und besucht regelmäßig Selbsthilfegruppen. Das Gefühl der Einsamkeit sei nicht vollständig verschwunden, habe aber an Macht verloren. Der Austausch mit anderen Betroffenen helfe, das Erlebte einzuordnen und nicht mehr als persönliches Versagen zu empfinden.

Auch Lukasz berichtet, dass ihm eine Therapie und der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe für junge Menschen geholfen haben. Zu erkennen, dass Einsamkeit viele betrifft, habe entlastend gewirkt. Gespräche schaffen Verbindung – auch dann, wenn sie die Leere nicht sofort auflösen.

Alleinsein ist nicht gleich Einsamkeit

Psychiater Mazda Adli betont den Unterschied zwischen freiwilligem Alleinsein und belastender Einsamkeit. Alleinsein könne erholsam und selbstbestimmt sein. Einsamkeit hingegen sei ein Zustand, der als nicht kontrollierbar erlebt werde und mit dem Gefühl einhergehe, keinen Ausweg zu finden.