Die drei Führungsstile nach Lewin: Was ist der effektivste Ansatz

Die drei Führungsstile nach Lewin: Was ist der effektivste Ansatz

Die Sozialpsychologie verdankt ihre moderne, empirische Ausrichtung maßgeblich dem deutsch-amerikanischen Psychologen Kurt Lewin (1890–1947), dessen theoretische und praktische Arbeit das Verständnis von Gruppenprozessen und sozialem Wandel revolutionierte. Lewin, der aus der Gestaltpsychologie stammte, verlagerte den Fokus von der reinen Beschreibung auf die Erklärung menschlichen Verhaltens im Kontext seiner Umwelt. Seine wegweisende Feldtheorie bot erstmals ein präzises, quasi-physikalisches Modell zur Analyse von Dynamiken zwischen Person und Umfeld. Durch seine Emigration in die USA in den 1930er Jahren etablierte er die Sozialpsychologie als eine angewandte Wissenschaft, die konkrete gesellschaftliche Probleme lösen sollte. Die von ihm entwickelten Konzepte wie die Gruppendynamik und die Aktionsforschung sind bis heute zentrale Pfeiler in der Organisationsberatung und der Konfliktlösung. Wie die Zeitschrift Psychologie Heute im Jahr 2025 betonte, basieren etwa 70 Prozent der aktuellen Change-Management-Strategien auf Lewins Drei-Phasen-Modell.  Darüber berichtet die Redaktion GlückID.

Die Feldtheorie: Verhalten als Funktion von Person und Umwelt

Die Feldtheorie ist der wohl bekannteste theoretische Beitrag von Kurt Lewin und bildet das Fundament der modernen Sozialpsychologie. Im Gegensatz zu älteren, eindimensionalen Ansätzen betrachtet Lewin das Verhalten ($V$) eines Individuums stets als Resultat der Interaktion zwischen der Person ($P$) und ihrer psychologischen Umwelt ($U$). Diese Beziehung fasste er in der berühmten Formel $V = f(P, U)$ zusammen. Lewin verstand die psychologische Umwelt, den sogenannten „Lebensraum“, nicht als die objektive Realität, sondern als die subjektive Wahrnehmung der Person von ihrer Umgebung, einschließlich aller psychologischen Kräfte und Barrieren. Der Lebensraum ist ein dynamisches Feld, in dem Kräfte (Anreize, Hindernisse) auf die Person wirken und Verhalten auslösen. Ziel der Analyse ist es, die spezifischen Kräfte und deren Stärke zu identifizieren, die eine Person in einem bestimmten Moment zum Handeln bewegen. Diese ganzheitliche Betrachtungsweise ermöglichte es Lewin, Konflikte und Entscheidungsprozesse präziser zu modellieren.

  • Die Feldtheorie beschreibt Verhalten ($V$) als Funktion der Person ($P$) und der Umwelt ($U$).
  • Der „Lebensraum“ ist die subjektive psychologische Realität des Individuums, nicht die physische Umgebung.
  • Im Lebensraum wirken psychologische Kräfte (Vektoren) und Barrieren auf die Person.
  • Verhalten entsteht durch die Interaktion dieser Kräfte, die auf ein Ziel hinstreben.
  • Lewin definierte drei Konflikttypen: Annäherung-Annäherung, Vermeidung-Vermeidung, Annäherung-Vermeidung.
  • Ziel der Feldtheorie ist es, eine kausale Analyse des Verhaltens in einem konkreten Moment zu ermöglichen.
  • Die Theorie unterscheidet zwischen der quasi-stationären Equilibrium und dem sozialen Wandel.
  • Sie bietet ein topologisches Modell zur Darstellung der Beziehungen im psychologischen Feld.

Pionierarbeit in der Gruppendynamik und Führungsforschung

Ein weiterer zentraler Pfeiler in Lewins Werk ist seine Forschung zur Gruppendynamik, die er maßgeblich prägte und als „die Untersuchung von Gruppen und als die Wissenschaft von Gruppenphänomenen“ definierte. Er betonte, dass Gruppen nicht nur eine Ansammlung von Individuen sind, sondern eine eigene, überindividuelle Realität darstellen, die spezifische Eigenschaften besitzt und die Macht hat, das Verhalten ihrer Mitglieder zu formen. Lewins berühmtes Experiment von 1939 mit Schülern untersuchte die Auswirkungen verschiedener Führungsstile auf die Produktivität, Motivation und das Klima innerhalb der Gruppe. Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass der demokratische Führungsstil nicht nur die höchste Arbeitszufriedenheit, sondern auch die nachhaltigste Produktivität hervorbrachte, während der autoritäre Stil zwar kurzfristig zu höherer Quantität, aber auch zu Aggression führte. Diese empirischen Erkenntnisse legten den Grundstein für moderne Managementtheorien.

  • Lewin gilt als Begründer der modernen Gruppendynamik als Forschungsgebiet.
  • Er führte 1939 die berühmte Studie zu den Auswirkungen von drei Führungsstilen durch.
  • Die drei untersuchten Stile waren: autoritär, demokratisch und Laissez-faire.
  • Demokratische Führung führte zur höchsten intrinsischen Motivation und Qualität der Arbeit.
  • Autoritärer Stil führte zu Abhängigkeit und erhöhter Aggressivität bei Abwesenheit der Führungsperson.
  • Lewin betonte die Macht der „Gatekeeper“ (Torwächter) in Gruppen, die Entscheidungen beeinflussen.
  • Er sah die Gruppe als Medium für sozialen Wandel, da sich Einstellungen in Gruppen leichter ändern lassen als einzeln.
  • Die Forschung zur Gruppendynamik führte zur Entwicklung von T-Gruppen (Trainingsgruppen) und Sensitivity Training.
Führungsstil (Lewin, 1939)Gruppenklima und AtmosphäreHauptergebnis der Produktivität
AutoritärGeringe Zufriedenheit, aggressive Tendenzen, AbhängigkeitHohe Quantität nur unter direkter Aufsicht
DemokratischHohe Zufriedenheit, Kooperation, SelbstverantwortungKonsistent hohe Qualität und nachhaltige Produktivität
Laissez-faireGeringe Aktivität, Chaos, Unzufriedenheit durch mangelnde StrukturGeringste Produktivität und schlechte Qualität

Aktionsforschung und das Drei-Phasen-Modell des Wandels

Die Aktionsforschung (Action Research) ist eine von Kurt Lewin entwickelte Methodologie, die nicht nur auf das Verstehen, sondern vor allem auf das Lösen von sozialen Problemen abzielt. Lewin prägte den berühmten Satz: „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.“ Diese Forschungsmethode integriert theoretische Untersuchung mit praktischer Anwendung und sozialen Interventionen. Der Prozess ist zyklisch und besteht aus Planung, Handlung, Beobachtung und Reflexion, um schrittweise Verbesserungen zu erzielen. Eng verbunden mit der Aktionsforschung ist das Drei-Phasen-Modell des sozialen Wandels, das heute ein Standardwerkzeug im Change Management ist. Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts für Organisationsentwicklung (IOG) aus dem Jahr 2025 nutzen 85 % der großen deutschen Unternehmen dieses Modell als grundlegendes Framework für Veränderungsprojekte.

  • Die Aktionsforschung ist ein zyklischer Prozess aus Planen, Handeln, Beobachten und Reflektieren.
  • Ihr Ziel ist die Verbindung von wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und sozialer Veränderung.
  • Die Methode wird in der Organisationsentwicklung, Bildung und Gemeinwesenarbeit eingesetzt.
  • Das Drei-Phasen-Modell beschreibt den Prozess des Wandels in Organisationen.
  • Phase 1: Unfreezing (Auftauen): Die Notwendigkeit der Veränderung wird erkannt, alte Muster werden destabilisiert.
  • Phase 2: Changing (Bewegen): Die eigentliche Intervention und die Einführung neuer Verhaltensweisen.
  • Phase 3: Refreezing (Einfrieren): Die neuen Verhaltensmuster werden stabilisiert und in der Kultur verankert.
  • Lewin betonte, dass nur eine ganzheitliche Betrachtung des Kräftefeldes (Antriebs- vs. Widerstandskräfte) nachhaltigen Wandel ermöglicht.

Die anhaltende Bedeutung Kurt Lewins für Psychologie und Praxis

Der Einfluss von Kurt Lewin reicht weit über die akademische Sozialpsychologie hinaus und manifestiert sich in vielen angewandten Disziplinen. Seine Betonung der empirischen Forschung und der praktischen Anwendbarkeit trug dazu bei, die Psychologie als nützliche Wissenschaft zu etablieren, die in der Lage ist, gesellschaftliche Probleme, von Lebensmittelknappheit bis hin zu Rassismus, anzugehen. Die von ihm ins Leben gerufene Forschung zur Gruppendynamik führte zur Gründung des National Training Laboratory (NTL) in den USA, das bis heute Führungskräfte in Gruppenarbeit schult. Seine Konzepte der Feldtheorie und des Drei-Phasen-Modells sind unverzichtbare Werkzeuge für jeden, der mit organisationalem Wandel, Teamentwicklung oder politischer Kommunikation befasst ist. Lewins Ansatz, stets das Verhalten im Kontext des gesamten psychologischen Feldes zu sehen, bleibt eine tiefgreifende methodische Orientierung.

Die Erkenntnisse von Kurt Lewin, insbesondere seine Betonung der Interaktion zwischen Individuum und sozialer Umwelt, sind fundamental für das Verständnis moderner Herausforderungen in Organisationen und Gesellschaft. Die praktische Anwendbarkeit seiner Theorien, von der Gruppendynamik bis zum Change Management, sichert seinen Platz als einer der einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts.

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